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Rundbrief zu Weihnachten 2010 von Josef Neuenhofer


Fundación Arco Iris
Padre José M. Neuenhofer
Casilla: 700
La Paz - Bolivia
Tel.: 00591 2 27 11 22 1
e-mail: fai.bolivia@gmail.com





La Paz, in November 2010


Liebe Freunde und Wohltäter!

Eine wahre Begebenheit - vielleicht sogar eine Weihnachtsgeschichte -, die sich wie ein Krimi anhört: mitten in der Nacht, um 3:20 Uhr klingelt mein Handy. Alan, ein Straßenjunge, der mit 37 Kindern und Jugendlichen unter einer Brücke haust, sagt mit hastiger Stimme: "Gloria hat gerade ihr Kind bekommen (geboren). Wir haben das Baby aus ihrem Bauch gezogen! Gloria ist verblutet und tot, aber das Kind lebt noch! Was sollen wir machen, und kannst Du uns helfen?" - Schnell springe ich aus dem Bett, bekleide mich notdürftig, rufe den Notarzt in unserem Hospital Arco Iris an und rase mit dem Auto durch die leeren, nächtlichen Strassen von La Paz. Unterwegs schicke ich ein paar Stossgebete zum Himmel für Gloria, ein 14-jähriges Straßenmädchen und ihr im Dreck und Unrat der Straße geborenes Kind. - Von weitem sehe ich schon das Blaulicht des Krankenwagens. Der Arzt war (ist) vor mir da. Gloria liegt leblos in einer riesigen Blutlache auf dem Boden. Ihr Kind ist noch durch die Nabelschnur mit ihr verbunden. Der Arzt trennt Mutter und Kind, beugt sich über Gloria, greift nach ihrem Puls und sagt dann: "Sie lebt noch!" Der Arzt gibt ihr eine Spritze, und dann wird die Bewustlose auf eine Tragbare gelegt und zum Krankenwagen gebracht. Jetzt bin ich mit den Kindern und Jugendlichen allein. Die meisten blicken schweigend auf das viele Blut, das Gloria bei der Geburt verloren hat. Wir fassen uns an den Händen, und ich lade ein, an Gloria und ihr Kind zu denken und für die Beiden zu beten. - Nach einer guten Stunde liege ich wieder im Bett, schlaflos und mit meinen Gebeten und guten Wünschen bei der jungen Mutter und ihrem Kind. - Am nächsten Morgen besuche ich das Mädchen auf der Intensiv-Station unseres Krankenhauses. Gloria ist immer noch bewusstlos und bekommt zwei Blutinfusionen gleichzeitig. Der diensthabende Arzt ist zuversichtlich und sagt: "Mutter und Kind werden überleben!" Und so war es auch.

Warum dieses Erlebnis mich an Weihnachten erinnert? Die Geburt Jesu geschah nicht in einer normalen Wohnung, nicht wohlbehütet und gut versorgt in einem Krankenhaus - wie in unseren Tagen heute. Sie ereignete sich "draußen vor der Tür", in einem Stall der Tiere, inmitten von Schmutz und Gestank. Eine Futterkrippe wird zur Wiege für den Sohn Gottes. So erzählt es das Lukasevangelium. Schon im Stall von Bethlehem zeichnet sich ab, dass der Neugeborene nicht zu den Begünstigten dieser Welt zählt. Er gehört zu den Herbergs- und Obdachlosen, zu den Außenseitern und Verlierern - genauso wie Millionen Menschen in Hunger, Elend und Krankheit auf unserer Erde, genauso wie Millionen Menschen in Hunger, Elend und Krankheit auf unserer Erde, genauso wie die Straßenkinder. Aus ihren Augen schaut uns Gott an, der für uns ein Kind geworden ist.

Wem von uns daran gelegen ist, dass die christliche Botschaft nicht als Antiquität behandelt wird - nur an höheren Festtagen abgestaubt und bewundert -, sondern als kostbares Geschenk und als Weg zum Glück, der muss sich an Weihnachten in die Pflicht nehmen lassen und versuchen zu teilen. An Weihnachten denken wir dankbar daran, dass wir zu den Glücklichen gehören, die als Kinder geliebt wurden und in die Arche Noahs hineindurften. Deshalb dürfen wir die vielen Millionen nicht vergessen, die in Armut und Elend ihr Dasein fristen und deren Gabentisch an Weihnachten eine Müllhalde oder ein Mülleimer ist.

Manchmal frage ich mich, was mich eigentlich von den Straßenkindern unterscheidet. Die Antwort auf diese Frage ist immer die gleiche: Ich bin und fühle mich nicht besser als die Kinder..., aber ich habe es besser gehabt als sie in meiner Kindheit und Jugend. Für mich war eine gute Familie das Fundament und Startkapital für mein Lebensglück. Genau das müssen die Straßenkinder entbehren....

Liebe Freunde und Wohltäter! Die Umstände der Geburt Jesu und die Armut des Stalles von Bethlehem sind kein Zufall der Weltgeschichte, sondern göttliche Absicht. Darin zeigt sich Gottes ureigenste Option für die Armen. Bis zum heutigen Tag ist die Armut ein Erkennungszeichen für den geblieben, der gesagt hat: "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!" und: "Wer ein Kind in meinem Namen aufnimmt und ihm hilft, der nimmt mich auf und der hilft mir!"

Zum Schluss danke ich Euch für alle Hilfe und Freundschaft im zu Ende gehenden Jahr. Von Herzen wünsche ich Euch ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Gott segnet und begleitet Euch im Neuen Jahr aus der Nähe, und ich tue es aus weiter Ferne! Euer


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Stand: 22.12.2010 18:22:04 /aktuell/rundbrief12_2010.php 598